Frank aus Moselkern: 35 Kilo leichter — seine Geschichte
Ernährungsberaterin Julia Meier über einen Klienten, der fast aufgegeben hätte. Und warum ein Satz seines Sohnes alles verändert hat.
Wie Frank in meine Beratung kam
Frank kam vor etwa 18 Monaten zu mir. September 2024, später Nachmittag. Er hatte den Termin dreimal verschoben, bevor er tatsächlich aufgetaucht ist — das hat er mir später erzählt. Großer Mann, breite Schultern, 127 Kilo auf der Waage. Und der erste Satz, den er gesagt hat, war nicht „Ich möchte abnehmen“ oder „Mein Arzt hat mich geschickt“.
Diesen Satz hat sein Sohn ihm eine Woche vorher an den Kopf geworfen. Einfach so, zwischen Kartoffeln und Sosse. Frank hat mir erzählt, dass er in dem Moment aufgestanden ist, sich ein Bier geholt hat und den Abend nicht mehr geredet hat. Aber der Satz hat sich festgesetzt. Und eine Woche später sass er bei mir.
Wie sah Franks Alltag vorher aus?
Moselkern ist ein Dorf mit 700 Einwohnern zwischen Cochem und Koblenz. Ein Bäcker, eine Gastwirtschaft, eine Kirche. Frank arbeitet als Schlosser in einem Metallbaubetrieb in Treis-Karden, 15 Minuten mit dem Auto. Morgens um sechs raus, abends um fünf zurück. Körperlich schwere Arbeit, aber — und das ist der Punkt, den viele nicht verstehen — körperlich schwere Arbeit schützt nicht vor Übergewicht.
Frank hat mir seinen typischen Tag beschrieben. Ich hab mitgeschrieben:
6:30 Uhr: Kaffee mit Milch und Zucker, kein Frühstück. „Morgens krieg ich nichts runter.“ 9:00 Uhr: Erstes Brötchen vom Bäcker, mit Fleischkäse oder Leberwurst. Dazu eine Cola. 12:00 Uhr: Kantine — Schnitzel, Currywurst, Pommes. Was halt da war. 15:00 Uhr: Schokoriegel aus dem Automaten. 18:30 Uhr: Abendessen. Meistens reichlich, meistens deftig. Kartoffeln, Sosse, Fleisch. Danach zwei bis drei Bier vor dem Fernseher.
BMI 38,7 beim Ersttermin. Blutdruck 155/95. Sein Hausarzt hatte ihm schon zweimal gesagt, dass es so nicht weitergehen kann. Frank hat das Wort „Adipositas“ zum ersten Mal bei mir gehört — obwohl sein Arzt es bestimmt benutzt hatte. Er hatte halt nicht zugehört. Seine Worte, nicht meine.
Warum es am Ende Wegovy wurde
Frank hat vorher zwei Diäten probiert. Einmal Low Carb — hat drei Wochen gehalten, dann war Geburtstag bei seinem Bruder und das war's. Einmal hat er versucht, abends nichts mehr zu essen. Das ging genau vier Tage gut.
Ich hab ihm beim Ersttermin drei Wege vorgestellt: reine Ernährungsumstellung, Ernährung plus Bewegung, oder medikamentöse Unterstützung mit Wegovy als Starthilfe. Sein BMI lag über 30, er hatte Bluthochdruck — damit erfüllte er die Kriterien für eine verschreibungspflichtige Therapie.
Typische erste Reaktion. Besonders bei Männern. Ich hab ihm erklärt, dass es ein Fertigpen ist — vergleichbar mit den Insulin-Pens, die Diabetiker benutzen. Nadel sieht man kaum, tut kaum weh. Sein Hausarzt Dr. Breuer hat das Rezept ausgestellt, nachdem Frank einen Termin wegen des Blutdrucks hatte und dabei erwähnt hat, dass er abnehmen will. Ich vermute, Dr. Breuer hat innerlich einen Luftsprung gemacht.
Kosten: ca. 320 Euro im Monat als Selbstzahler. Franks gesetzliche Krankenkasse zahlt nicht. Er hat trotzdem zugestimmt. Zitat: „Für Zigaretten hab ich 20 Jahre lang 200 Euro im Monat ausgegeben. Dann kann ich 300 fürs Abnehmen auch hinlegen.“ Die Zigaretten hatte er 2021 aufgegeben — und danach erst richtig zugenommen. Klassisches Muster.
Was in den ersten 12 Wochen passiert ist
Start der Therapie: Oktober 2024. 0,25 mg Semaglutid pro Woche, die niedrigste Dosis. Frank hat die erste Spritze in der Praxis von Dr. Breuer bekommen. Ab der zweiten hat er es allein gemacht. In den Bauch, sonntags nach dem Frühstück. Er hat sich dafür einen Wecker gestellt, weil er sonst vergessen hätte.
Die erste Woche: nichts. Keine Veränderung, kein gedämpfter Appetit, nichts. Frank hat mich angerufen und gefragt, ob das Zeug überhaupt wirkt. Ich hab ihm gesagt: Geduld. Die Startdosis ist bewusst niedrig — damit sich der Körper dran gewöhnt.
Woche drei: die erste Übelkeit. Nicht schlimm, eher so ein flaues Gefühl nach dem Mittagessen. Frank beschreibt das als „wie nach zu vielen Kirschen“. Er hat angefangen, mittags kleinere Portionen zu nehmen. Nicht weil ich es ihm gesagt hab, sondern weil sein Körper es ihm gesagt hat. Genau das soll Semaglutid tun.
Ab Woche fünf, nach der Steigerung auf 0,5 mg, ging es richtig los. Drei Kilo in einer Woche. Frank hat mich angerufen, völlig aufgekratzt. Ich musste ihn bremsen — drei Kilo in einer Woche sind zu viel und meistens Wasser. Aber ich hab ihn machen lassen, weil die Motivation da war.
Der Weihnachts-Rückschlag — und was danach kam
Dezember 2024. Frank hatte bis dahin 20 Kilo verloren. Die Leute im Dorf haben es bemerkt. Seine Frau war stolz. Luca hat gefragt, ob Papa jetzt dünn wird. Alles lief.
Dann kam Weihnachten. Drei Tage bei den Schwiegereltern in Kaiserslautern. Franks Schwiegermutter kocht „wie für zehn Mann“ — seine Worte. Klösse, Braten, Rotkohl, Nachtisch, Stöllen, Plätzchen. Und dann war da noch die Sache mit dem Glühwein.
Frank hat mich am 3. Januar angerufen. Nicht zum vereinbarten Termin, sondern morgens um acht. Er war kurz davor, die Wegovy-Therapie abzubrechen. 320 Euro im Monat und dann nimmt man über Weihnachten trotzdem zu? Das hat ihn fertig gemacht.
Ich hab ihm erklärt, was passiert ist: 3,5 Kilo in drei Tagen sind physiologisch nicht 3,5 Kilo Fett. Unmöglich. Dafür müsste er knapp 25.000 Kilokalorien im Überschuss gegessen haben. Mindestens 2 Kilo davon waren Wassereinlagerungen — durch das Salz, die Kohlenhydrate, den Alkohol. Innerhalb von zehn Tagen war das meiste wieder weg.
Vom Sportmuffel zum Fitness-Anfänger
Frank war das, was er selbst als „Sportmuffel seit der Schulzeit“ beschreibt. Letzter Sport: Bundesjugendspiele 1996. Seitdem war körperliche Bewegung gleich Arbeit. Und nach der Arbeit war Feierabend.
Im Frühjahr 2025, bei ungefähr 107 Kilo, hat sich das geändert. Nicht weil ich ihn dazu gedrängt habe. Sondern weil Frank nach dem Abendessen unruhig war. Er hat es so beschrieben: „Sonst lag ich um acht auf der Couch und war weg. Jetzt hab ich abends Energie und weiß nicht wohin damit.“
Also ist er spazieren gegangen. Entlang der Mosel, von Moselkern Richtung Müden und zurück. Anfangs 20 Minuten, dann 30, dann eine Stunde. Seine Frau ist manchmal mitgekommen. Luca auf dem Fahrrad nebenher. Klingt banal, ist es aber nicht — für jemanden, der seit 25 Jahren keinen Sport gemacht hat, sind 30 Minuten Gehen eine ziemliche Leistung.
Ab Sommer 2025 kam das Fitnessstudio dazu. Eines in Cochem, 15 Minuten entfernt. Frank geht zweimal die Woche, dienstags und donnerstags. Krafttraining, kein Cardio — „Laufband ist langweilig, aber schwere Sachen heben kann ich“. Typisch Schlosser.
Mein ehrliches Fazit über Franks Weg
Stand März 2026: Frank wiegt 92 Kilo. BMI 28,0. Blutdruck 130/82 — nicht perfekt, aber in einem Bereich, in dem sein Arzt nicht mehr besorgt die Stirn runzelt. Er hat die Wegovy-Dosis auf 1,7 mg reduziert und plant, im Sommer komplett auszuschleichen.
Ist Franks Geschichte ein Erfolg? Ja. Aber ich will sie nicht verklären. Es gab Phasen, in denen er kurz davor war aufzugeben. Der Weihnachts-Rückfall war hart. In Monat 10 gab es drei Wochen, in denen die Waage sich nicht bewegt hat — Frank hat in der Zeit kein einziges Mal mit mir telefoniert. Erst später hat er zugegeben, dass er in der Phase abends wieder Bier getrunken hat. Nicht viel, aber genug um den Fortschritt zu bremsen.
Was mich an Franks Fall am meisten beeindruckt: Er hat irgendwann aufgehört, die Waage als einziges Erfolgskriterium zu sehen. Der Moment, als Luca gesagt hat „Papa, du bist schnell geworden!“ nach einem gemeinsamen Sprint über die Wiese am Moselkerner Sportplatz — das war für Frank mehr wert als jede Zahl auf der Waage. Und das sehe ich als Beraterin natürlich gerne.